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Samtgemeinde Harsefeld: Freiwillige Feuerwehr Wohlerst

Freiwillige Feuerwehr Wohlerst


Freiwillige Feuerwehr Wohlerst gegründet 1935 (1902)
Mitglieder Einsatzabteilung: 30, davon 5 weiblich
Ausstattung: 1 Kleinlöschfahrzeug
Ortsbrandmeister:
stv. Ortsbrandmeister:
Andre Tomfohrde
Maik Tobaben

100 Jahre Feuerwehr Wohlerst

von Gerhard JungeDas erste handschriftliche Dokument über einen geplanten Selbstschutz und eine Selbsthilfe bei Feuersbrunst stammt aus dem Jahr 1861. In einem sogenannten “Regulativ” des Amtes Harsefeld wurde der Gemeinde Wohlerst die Auflage zur Stellung eines Wasserwagens erteilt, weil keine Spritze vorhanden sei. Mehrere größere Gemeinden verfügten bereits vor 1900 über einen organisierten Brandschutz mit einer eigenen Feuerwehr. In Wohlerst wurde dieser Schritt vor nunmehr hundert Jahren vollzogen. Allerdings war es eine schwierige Geburt. Als 1901 alle Gemeinden der Provinz Hannover aufgefordert wurden, eine Pflichtfeuerwehr zu gründen, weigerte sich Wohlerst mit der Begründung, keine Mannschaft aufstellen zu können, man wäre lediglich bereit, eine “Spritze” zu kaufen. Erst nach langem Schriftwechsel mit dem Landkreis beugte sich Bürgermeister Johann Christoph Fitschen dem behördlichen Diktat.Es kam der denkwürdige 11. Februar 1902. Bürgermeister Fitschen rief die erste Versammlung zur Gründung einer Pflichtfeuerwehr ein. In Anwesenheit von fünf Vollhöfnern, einem Halbhöfner und einem Anbauern wurden die Feuerwehrstatuten mit kleinen Änderungen angenommen und am 8. März 1902 durch Unterzeichnung des Landrats genehmigt. Bis zu dieser Zeit war die Gemeinde – sie brauchte lediglich Wassereimer, Haken und Leitern zu stellen – auf die Hilfe Bargstedts mit ihrer sogenannten “Kirchspielspritze” angewiesen. Zum Feuerwehrhauptmann (heute Ortsbrandmeister) wurde Bürgermeister Johann Christoph Fitschen bestimmt. Im gleichen Jahr erwarb die Gemeinde eine von zehn Mann zu bedienende Handdruckspritze, die in der Minute etwa 150 Liter Wasser förderte.Aus Altersgründen stellte Fitschen nach 16jähriger Amtszeit seinen Posten zur Verfügung. Von 1918 bis 1927 leitete Johann Müller die Wehr. Als Nachfolger berief man Schmiedemeister Wilhelm Oelkers. Seiner Initiative war es mit zu verdanken, dass 1935 die Pflichtfeuerwehr in eine Freiwillige Feuerwehr umbenannt worden ist. Oelkers, der 1935 sein Amt zur Verfügung stellte, erhielt zu seinem 88. Geburtstag am 26. Juli 1962 die Urkunde zum Ehrenbrandmeister.

Am 3. August 1935 konstituierten sich 17 Kameraden, um den sogenannten Führerrat (heute Kommando) zu wählen. Wehrführer wurde nun Johann Holsten. Bis zur Neugründung der Wehr am 6. März 1946 nahm er verantwortungsvoll seine damals nicht leichte Aufgabe wahr und das besonders in den Kriegsjahren. Als Holsten 1943 zwölf Wohlerster Frauen für den Feuerwehr-Notdienst verpflichten musste, die meisten Männer waren an der Front, geriet er in eine gefährliche Situation. In einem amtlichen Schreiben der Bezirksfeuerwehr wurde Holsten der Sabotage bezichtigt und mit dem Kriegsgericht gedroht. Was war geschehen? Johann Holsten hatte sich lediglich geweigert, mit den zwölf Feuerwehrfrauen und den verbliebenen alten Männern im nationalsozialistischen Geist zu exerzieren. Nur ein glücklicher Umstand bewahrte Holsten vor einer Verhaftung.
Der Krieg war vorbei, und das Leben normalisierte sich wieder, doch viele Kameraden kehrten nicht heim. Wieder waren es 17 freiwillige Männer, die sich bereit fanden, den Dienst am Nächsten auszuüben. Neuer Gemeindebrandmeister war nun von 1946 bis 1952 Hinrich Tobaben, der Wesentliches zum Neuaufbau der Wehr leistete. Tobaben wurde später ebenfalls zum Ehrenbrandmeister ernannt. Unter seiner Leitung erhielt Wohlerst die erste Kraftspritze, denn die 44 Jahre alte Handdruckspritze war bis dahin noch im Einsatz. Tobaben legte auf persönlichen Wunsch nach sechs Jahren sein Amt nieder. Die Wehr, inzwischen auf 21 Aktive angewachsen, wählte 1952 Landwirt Joachim Fitschen (Vater vom jetzigen Ortsbrandmeister) zum Nachfolger. Für den aus gesundheitlichen Gründen ausscheidenden Fitschen übernahm 1956 Hans Vagts – später zum Ehrenbrandmeister ernannt – die Leitung. Doch auch er musste krankheitsbedingt nach vier Jahren passen. Am 8. Oktober 1960 übernahm Johannes Oelkers die Verantwortung. Während seiner Amtszeit ist viel bewegt worden. Ein neues Gerätehaus und ein Löschfahrzeug komplettierten nun die bis dahin bescheidene Ausrüstung. Bis 1965 rückte man noch mit Trecker und Schlauchanhänger zum Einsatz aus.

Wohlerst war im April 1977 innerhalb des Landkreises eine der wenigen Wehren, die eine komplette Damengruppe aufstellen konnte. Erster weiblicher Gruppenführer war Maike Wintjen. Alle Frauen nahmen am Grundlehrgang teil. In den sechziger Jahren begann für unsere Wehr die große Zeit der Feuerwehr-Vergleichswettkämpfe. Bis zum heutigen Tag schmücken über 280 Pokale – davon 115 für erste Plätze – die Vitrinen im Dorfgemeinschaftshaus.

Der leider viel zu früh verstorbene Ehrenortsbrandmeister Hinrich Gerken lenkte, nachdem Oelkers altersbedingt ausscheiden musste, von 1979 bis 1991 die Geschicke der Ortswehr. Abgelöst wurde Gerken, ebenfalls aus Altersgründen, vom jetzigen Ortsbrandmeister Hans-Joachim Fitschen. Unsere kleine Wehr ist im Laufe der Jahre weiter modernisiert worden, und viele Kameraden besuchten die Landesfeuerwehrschule in Celle. Zahlreiche Aktivitäten und Aktionen zur Erhaltung der Dorfgemeinschaft werden vorrangig von der Ortswehr arrangiert und unterstützt. Jährliche, dreitägige Feuerwehrfeste gehören seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil dörflicher Kommunikation.

Doch will man die 100jährige Geschichte der Wehr vervollständigen, darf auch das Unerfreuliche nicht unerwähnt bleiben. Seit 1902 – von vorigen Bränden ist nichts bekannt – wütete der “Rote Hahn” 27 mal in unserem Ort. Ein trauriger Rekord! Vor allem, wenn man bedenkt, dass allein vier Großbrände innerhalb von Wohlerst auf das Konto eines ehemaligen Kameraden aus eigenen Reihen gehen. Insgesamt zündelte er 11 mal. Die übrigen Brände wurden durch Blitzschlag, Fahrlässigkeit und Kurzschluss ausgelöst. Hierzu ergänzend eine kuriose Begebenheit. Besagter Brandstifter, bei Landwirt Klaus Kackmann beschäftigt, erwarb seinerzeit bei mir als ehemaligen Schneidermeister eine Schirmmütze. Aus dem Gefängnis erreichte mir am 20. Januar 1966 folgender Brief:

Sehr geehrte Herr Junge, ich habe in erfahrung gebracht, das sie meine Feuerwehr Mütze von Herr Kackmann aus Wohlerst wech geholt haben. Nach meiner Meinung haben sie doch kein Recht auf der Mütze, da ich ihn die Mütze im Preis von 15.50 DM bezahlt habe. Ich bitte daum meine Mütze oder mein Geld hier her zu schicken. Falls sie das nicht machen sollten, so bin ich gezungen gegen ihn ein Anzeige wegen Betrug zu machen. Wenn bindent 8 Tage meine Mütze oder das Geld hier in Stade/Elbe Am Wilhadikrichhoh 1 abgeben worden ist mach ich gegen ihn ein Anzeige wegen Betrug.

Heute besteht unsere Freiwillige Feuerwehr aus 30 Aktiven (davon fünf Frauen), 25 fördernden Mitgliedern, und 7 Kameraden der Altersabteilung (davon Ehrenbrandmeister Hinrich Tobaben und Ehrenmitglied Gerhard Junge. Das sind 31 Prozent der Einwohner. Möge unsere Ortswehr auch noch die nächsten 100 Jahre im kameradschaftlichen Geist überleben. Gott zur Ehr’, dem Nächsten zur Wehr.

Hans Vagts 1956-1960

 
 
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